Eine Schule für die neue Zeit, eine neue Schule für unsere Zeit

Ein Interview mit Kura und Muran Müller.

Was braucht ein Kind, um in der Welt von morgen bestehen zu können? Eine Frage, die die Welt verändern kann – jedenfalls, wenn jemand sich aufmacht, um neue Antworten zu finden. So wie Kura und Muran, die gerade die Privatschule Zürisee gründen. Das Gespräch mit beiden hat mich beeindruckt – die Energie und Stärke, Freude und Hingabe, mit der das Paar seine Vision auf die Füße stellt, ist… groß!

12232818_10207051861268882_2880032375843474424_oSeit zwei Monaten wohnen sie mit ihren beiden Kindern an ihrem Familienkraftplatz in Hombrechtikon am Zürichsee. Jeden Tag sind sie auf ihrer Mission Wegbereiter, Schulleiter, Lehrer, und Architekten gleichzeitig. „Wenn ihr ein Land und seine Strukturen kennenlernen wollt, gründet eine Schule“, sagt Kura.

Die Bewilligungsverfahren bei der Gemeinde und beim Kanton laufen und die Zürisee Schule wird voraussichtlich im Spätsommer 2016 eröffnet. Bis dahin gibt es viel zu tun und gleichzeitig entsteht durch das Homeschooling der beiden eigenen Kinder, sowie zwei Kindern einer befreundeten Familie, bereits gelebter Schulalltag.

Was brauchen Kinder für die Welt von morgen – oder vielleicht, um ihr morgen gestalten zu können?

Zugang zur eigenen Lichtkraft und dabei gleichzeitig eine gute, weltliche Bodenhaftung und Tatkraft. Deshalb wollen wir das individuelle Wesen der Kinder von Anfang an fördern. Dazu gilt es, sowohl viel Freiraum zu gewähren, als auch eine gezielte Führung zu geben. Kinder mögen, wie auch Erwachsene, sinnvolle Aufgaben. Das Gefühl entsteht durch Begeisterung, durch selbst gewählte Inhalte und durch Anforderungen, die jedem Kind einen Lernerfolg ermöglichen. Wir lernen, indem wir erleben: Draußen sein, Aufgaben für die Gemeinschaft übernehmen, Ausflüge, Projektarbeit und Themen übergreifende Lernfelder sind zentral. So bekommen die Kinder Selbstgefühl, lernen, den Alltag zu meistern, kommen in Berührung mit ihren Fähigkeiten und entwickeln ein Bewusstsein für den Umgang mit ihren Widerständen.

Wie sieht ein Tag in der Zürisee Schule aus?

12240951_10207051860388860_5433448738191209760_oAktuell beginnen wir den Tag mit einem gemeinsamen Frühstück, für das die Kinder selbst in der Umgebung einkaufen gehen. So lernen sie Selbstständigkeit – das Planen von Mahlzeiten, sich in der Gruppe abzustimmen und auch den Umgang mit Geld. Ebenso gehören feste Aufgaben wie Putzen, Waschen und Tiere füttern zum Ablauf. In Stundenpläne trägt jedes Kind seine geplanten Aktivitäten ein. Dazu kommen die gemeinsamen Aktivitäten im Kreis, in Bewegung oder beispielsweise im Wald, sowie thematische Einheiten. Es ist eindrücklich zu erleben, wie vernetzt Wissen angeeignet und Fähigkeiten erweitert werden: Viele nachhaltige Impulse ergeben sich aus dem natürlichen Fluss beim gemeinsamen Essen, auf dem Spaziergang oder beim Studium einer Zeitschrift. Da kommen die Fragen und Inhalte auf den Tisch, die ein oder mehrere Kinder gerade beschäftigen und für die sie besonders aufnahmefähig sind. Der Schultag geht in der Regel von neun bis 17 Uhr. Eintreffen können die Schüler aber bereits ab 8 Uhr; nach 17 Uhr können sie freiwillig bleiben, um etwas abzuschließen oder falls die Eltern noch nicht zu Hause sind.

Wie seht ihr die Aufgabe der Lehrer und der Experten an der Schule?

Das Wesen und das Potenzial eines jeden Kindes zu erkennen, damit es gezielt begleitet werden kann, bildet die Basis. Im täglichen Unterrichtsgeschehen geht es vor allem darum, den Raum und die Ausrichtung für die jeweilige Einheit zu schaffen und zu halten. Dafür braucht es auch großes Improvisationstalent und die Fähigkeit, den Fluss und den Forscherdrang in Bewegung zu halten. Das Lehren entspricht in dieser Art einem Mentoring. Wenn der Lehrer oder ein Experte mit seiner Begeisterung präsent ist, entsteht das, was wir ‚Taten‘-Feld nennen: Die Kinder sind inspiriert und sehr aufnahmefähig.

Welche Vorgaben gibt es zu erfüllen, damit die Schule anerkannt wird?

Die wichtigste Verpflichtung ist die Orientierung am kantonalen Lehrplan und an den hiesigen gesellschaftlichen Werten. Oft wird in unserem Umfeld jede Art von Lehrplan als Schreckgespenst empfunden, weil die Schattenseiten wahrgenommen werden.

12189318_10207051858908823_211575382681823912_oDabei gibt es hier unerwartete Lichtseiten, die zu entdecken uns berührt hat. Im Zürcher Lehrplan zum Beispiel sind zehn Grundhaltungen beschrieben, eine davon ist die „Muße“! Hierzu steht: „Muße heißt Zeit finden, um auf sich selbst, auf andere, auf die Welt aufmerksam zu werden. Die Schule räumt auch Zeit für Muße ein. Die Muße dient dem Innewerden, der Selbstbesinnung, der Einfühlung in andere Menschen. Aus innerer Ruhe wächst Kraft. Schüler, Schülerinnen, Lehrerinnen und Lehrer pflegen Muße, indem sie Zeit dafür finden, sich zu sammeln, zu lauschen, zu schauen, zu betrachten, zu bedenken, zu staunen, Stimmungen einwirken zu lassen.“ Entscheidend ist also, den Lehrplan stimmig mit dem ,inneren Lehrplan‘ jedes einzelnen Schülers zusammen zu bringen.

12240265_10207051858508813_4861900121263871536_oFür uns ist es ein wichtiges Anliegen, dass jedes Kind im Rahmen seiner Potenziale lebenstauglich wird. Dazu gehören in der heutigen Zeit Lesen und Schreiben, Mathematik und anderes. Nur so können Kinder ihre Himmelsaspekte in der aktuellen Zeit auf der Erde einbringen. Wir als Erwachsene sind in einer solchen Betrachtung Reiseführer, welche die Reisenden nach und nach in die Kultur, in die Lebensweise vor Ort und in die Funktionsweise der Gesellschaft einführen. Diese Adaption an die Erde ist für viele Kinder schmerzhaft, weil es mitunter ihren himmlischen Erfahrungen widerspricht und/oder weil sie noch mit früheren Erfahrungen in Resonanz gehen.

Für wie viele Schüler bietet die Schule Platz und für welche Eltern und Kinder ist eure Schule interessant?

Wir werden etwa 50 Plätze haben, vom Kindergartenalter bis in die neunte Klasse. Sie werden dann nach Alter in Betreuungs- und Lerngruppen aufgeteilt. Natürlich ist die Schule ein Anziehungspunkt für Familien, die bereits einen bewussten spirituellen Background haben. Wir sehen hier am Zürichsee aber auch viele Familien bei denen, zum Beispiel durch die berufliche Ausrichtung der Eltern, Interesse und Offenheit für neue Bildungswege bestehen. Potenzialentfaltung ist ja nicht nur bei Schulen ein Thema, sondern zunehmend in der Berufswelt. Das eröffnet auch uns ein neues Feld für unsere Arbeit.

Neue Strukturen schaffen, und dabei gegebene Vorschriften erfüllen: Wie erlebt ihr die Schulgründung?

Es kann sehr fordernd sein – wer neue Strukturen schaffen und zum Teil auch mit alten brechen möchte, erlebt viele Widerstände und viel Unverständnis. Insbesondere die baulichen Vorschriften sind sehr umfassend und werden von Gemeinde zu Gemeinde, von Amt zu Amt unterschiedlich und unkoordiniert ausgelegt, was teilweise zu widersprüchlichen Vorgaben führt. Dennoch müssen sie so schnell wie möglich und im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten umgesetzt werden, um die Bewilligung durch den Kanton zu erhalten. Außerdem ist der Schulalltag zu gestalten und wir besuchen Seminare und Weiterbildungen; Kura führt ihre Praxis weiter. Das Wissen, dass es unsere gemeinsame Aufgabe ist, lässt uns weitermachen. Der Antrieb, der darin steckt, ist größer als wir, und stärkt uns den Rücken.

Liebe Kura, lieber Muran, herzlichen Dank, dass ihr euch die Zeit genommen habt! Danke für eure wunderbare Arbeit, ich wünsche euch von Herzen viel Freude und Erfolg.

www.schule-zuerisee.ch

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