Eltern und spirituelle Entwicklung

Es sind nicht nur die Kinder, die wachsen. Eltern wachsen auch.

Baum des LebensWie passen der eigene Weg und der Familienweg zusammen? Wie sind wir gute Eltern und dabei uns selbst treu? Wie gehen wir mit räumlicher Trennung und schlechtem Gewissen um? Um Fragen wie diese drehten sich für mich als Mutter eines vierjährigen Sohnes viele Gespräche – es sind Fragen, die die meisten Eltern bewegen, die sich neben dem Familienleben Raum für sich nehmen. Hier möchte ich von meinen persönlichen Erfahrungen dieses Jahr berichten – und von einem Gespräch mit Sita Kleinert, die in ihrem SitaMa Zentrum Seminare und Ausbildungen unter anderen zum Thema spirituelle Geburtsbegleitung und Kommunikation mit Kindern gibt.

Ich war dieses Jahr einige Wochen von zu Hause weg, getrennt von meinem vierjährigen Sohn, um Seminare zu besuchen und Seva-Dienst zu machen.

„Wie machst du denn das?“ „Haltet ihr das so lange ohne einander aus?“ „Und wer kümmert sich um deinen Sohn?“ Eine Mischung aus bewundernden und verwunderten Blicken habe ich als Reaktion bekommen, wenn ich von meinen Plänen erzählt habe. Und auch für mich selbst war es gar nicht so einfach, diesen Raum aufzumachen, diesen Zeit-Raum nur für mich.

Die ersten acht Tage, zum „Weg ins Licht“, bin ich mit schlechtem Gewissen aufgebrochen. Es fühlte sich falsch an, etwas zu tun, in dem mein Kind keinen Platz hat. Und doch fühlte es sich richtig an. Ich war so ausgefüllt, dass es keinen Raum gab, für Heimweh, oder dafür, meine Entscheidung in Frage zu stellen. Eine tolle Erfahrung von Unabhängigkeit; davon, wie Liebe und Dankbarkeit fließen, wenn wir Freiraum geben und bekommen. Ich kam verändert zurück nach Hause, mit jeder Menge Geschenken für das Familienleben im Gepäck – wenn mir das auch erst rückblickend richtig bewusst wurde.

Wie ist das eigentlich, wenn Eltern einen inneren Ruf spüren, der bedingt, dass das Familienleben ein wenig Platz machen muss? Zeiteinteilung und Betreuungsfrage sind ja schon ein Balanceakt und heikles Thema, wenn es ,nur‘ darum geht, dass wir arbeiten, um zu (über-)leben. Wenn wir uns aber nun aufmachen, und Zeit investieren, um glücklich und authentisch zu leben – dann liegt der (Selbst-)Vorwurf Egoismus oft nicht fern.

SCHULDGEFÜHLE BINDEN UND LASSEN ELTERN UND KINDER KEINEN RAUM, UM FREI ZU SEIN

Gleich das erste Thema, über das ich mit Sita gesprochen habe, sind Schuldgefühle.

„In dem Moment, wo der Wunsch ,es gut machen zu wollen‘ wichtigster Aspekt für meine Entscheidungen wird, bin ich eigentlich schon in der falschen Ausgangslage,“ erklärt Sita. „Ausbrechen, aus dem Rad von Erwartungen und Bildern über das Zusammenleben von Eltern und Kindern, kann ich, indem ich den Mut finde, meine Kräfte immer wieder bei mir zu sammeln. Nur so kann ich mich selber, meine Intuition spüren, ihr folgen und individuelle, für mich und meine Familie richtige Entscheidungen treffen. Wenn Eltern ihre eigenen Bedürfnisse wahrnehmen, dann bedeutet das nicht ein weniger, sondern ein mehr an Liebe. Die Liebe dehnt sich aus – und Eltern können vorleben, was es bedeutet, glücklich zu sein. Nicht guter Stimmung, sondern glücklich – ein Gefühl, das durch Freiheit entsteht.“

FESTE STRUKTUREN ODER: WENN DER GÖTTLICHE FUNKE IM ALLTAG FEHLT

Alle Eltern kommen an den Punkt, sei es im Kleinen oder Großen, an dem sie die Verpflichtung fühlen, bestimmte Strukturen oder Verhaltensweisen zu leben, um es ,richtig‘ zu machen. Wir wollen unseren Kindern von Herzen Geborgenheit, Sicherheit, geregelte Abläufe, eine sorgenfreie Kindheit geben.

Ich bin dankbar, dass ich sowohl als Kind, als auch als Mutter erleben durfte, dass dieses scheinbar sichere Gerüst leer und grau sein kann, wenn darin die Dynamik, die Freude und die Authentizität fehlen – inzwischen würde ich sagen: wenn der göttliche Funke im Alltag fehlt.

Aber, wie ist denn das eigentlich mit den Strukturen – sowohl denen, die unseren Tagesablauf regeln, als auch denen, die unser Zusammenleben und unsere Be-Ziehung zueinander gestalten?

Sita hat es folgendermaßen zusammengefasst: „Wenn ich mich an meiner inneren Führung orientiere, kann ich Strukturen schaffen, die zu mir und meiner Familie passen. Handele ich im Sinne der Gesetzmäßigkeit (also entscheide ich frei von Emotionen und indem ich der Liebe folge), finden sich immer genau die Lösungen, die allen dienen.“

LOSLASSEN UND NAH SEIN, WIE PASST DAS ZUSAMMEN?

Eine erstaunliche Erfahrung für mich war, dass, als ich das vierte Mal in diesem Jahr in so großer Selbstverständlichkeit aufgebrochen bin, ohne Tam-Tam, ohne schlechtes Gewissen, mein Sohn die zweieinhalb Wochen mit echter Leichtigkeit gemeistert hat. Aber: nicht immer fügt sich alles reibungslos. Nicht immer geht es, oder, ich möchte mir hier erlauben zu sagen: nie geht es in dem unermesslichen Abenteuer, Kinder groß zu ziehen, ganz ohne Verletzungen von statten. Auch als Eltern sind wir menschlich, selbst in unserer größten Liebe, egal, wie sehr wir uns bemühen, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Einen spirituellen Weg einzuschlagen, ändert daran nichts, aber es bringt uns näher zu uns selbst. Und damit auch denen näher, die wir lieben.

Wie geschieht das genau? Wie können wir unseren Kindern näher sein? Und wie bringen wir Führung und Freude in den Alltag?

Two Readers on a Park BenchSita hat mir dazu folgendes erzählt: „Wenn wir einen spirituellen Weg einschlagen, erfahren wir, dass wir alle Wesen sind, die mit ihren individuellen Aufgaben auf die Erde kommen. Wir lernen nicht nur, dass es wichtig ist, unserem eigenen Plan zu folgen, sondern erkennen auch, dass unsere Kinder von Anfang an vollständige Wesen sind, die ebenso ihren Weg verfolgen. Wir können beginnen, sie loszulassen, Ihnen zu vertrauen, sie ihrem Weg anzuvertrauen. Indem wir unseren Kindern Raum geben, ganz selbstverständlich ihrer Führung zu folgen – für die sie meist noch sehr empfänglich sind – leben wir das Bewusstsein ,Ich bin in Gott‘ vor. Wir kommunizieren auf einer anderen Ebene mit ihnen, der Inneren und erkennen sie nicht als unsere Kinder, sondern als die himmlischen Wesen, die sie sind.“

„Was für eine Mutter möchte ich sein?“, habe ich mich immer wieder gefragt, seitdem mein Sohn auf der Welt ist. Inzwischen habe ich die Antwort gefunden: eine glückliche! Und das bedeutet für mich: selbstverantwortlich, wahrhaftig, greifbar, ausgerichtet. Richtig auf den Punkt gebracht hat es für mich das folgende Zitat der amerikanischen Autorin Joice Maynard:

„Es sind nicht nur Kinder, die wachsen. Eltern wachsen auch. Und so, wie wir darüber wachen, was unsere Kinder mit ihrem Leben machen, beobachten sie uns dabei, wie wir leben. Ich kann meinen Kindern nicht sagen, dass sie nach der Sonne greifen sollen. Alles, was ich tun kann, ist meine Arme selbst nach ihr auszustrecken.“

Den Raum dafür, eigenverantwortlich Glück zu leben, können nur die Eltern öffnen, für sich selbst und ihre Kinder – indem sie vorleben, dass es erlaubt ist, seinem eigenen Weg zu folgen.

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